Digitalisierung funktioniert nicht ohne Menschen. Wie Safran Cabin 75 Millionen Euro eingespart hat
Wie viel kostet Digitalisierung, die im Betrieb ungenutzt bleibt? Und was entscheidet darüber, ob Menschen ein neues Tool annehmen – oder es lieber mit Excel umgehen? Selim Caluwaerts, Chief Data Officer & DigiMaps Program Director bei Safran Cabin, erläuterte auf der TAL 2025, dass nicht die Technologie entscheidend ist, sondern die Arbeit mit Menschen, Prozessen und Daten. Und dass es nichts bringt, Schritte zu überspringen!
Safran, das drittgrößte Luft- und Raumfahrtunternehmen der Welt, ist in 27 Ländern aktiv und beschäftigt über 100.000 Mitarbeitende. Damit gehen die klassischen Herausforderungen einher, mit denen auch andere große Produktionsunternehmen konfrontiert sind:
- gestörte Lieferketten,
- Mangel an qualifizierten Arbeitskräften,
- fragmentierte Daten und ihre schlechte Qualität,
- unterschiedlicher digitaler Reifegrad an verschiedenen Standorten.
Die Lösung bestand in einem systematischen Ansatz und vier grundlegenden Schritten, mit denen Safran Cabin im letzten Jahr Einsparungen in Höhe von 75 Millionen Euro erzielen konnte. Begleitet wurde dieser Weg vom System DigiMaps (Digital Manufacturing and Advanced Planning & Scheduling), das den gesamten Digitalisierungsfahrplan, die Lieferkette, die Cloud-Strategie und die Planung, einschließlich digitaler Zwillinge, abdeckt. Die Umsetzung begleitete unternehmensweit ein Digitalisierungsteam unter der Leitung von Selim Caluwaerts, Chief Data Officer & DigiMaps Program Director. „„Als Manager haben wir im letzten Jahr achtzehn Mal die Erde umrundet. Wer nach Innovationen und einem Weg zu einer hochwertigen Digitalisierung sucht…, muss dies mit Menschen auf allen Ebenen des Unternehmens und an allen Standorten besprechen.“
Die Videoaufzeichnung der Präsentation von der Konferenz ist ausschließlich in englischer Sprache verfügbar.
Erster Schritt: Menschen und die gute alte Kommunikation
Machen Sie Ihre Hausaufgaben gründlich! Jedes Werk ist einzigartig, ebenso wie die Mentalität und Gewohnheiten der lokalen Mitarbeiter. Verfügen die Menschen über die erforderlichen Fähigkeiten? Verstehen sie, warum die Veränderung stattfindet? Wenn ein lokales Team nicht auf Ihrer Seite steht, wird Ihr Projekt nur dann erfolgreich sein, wenn Sie selbst im Werk anwesend sind. Sobald Sie verschwinden, ist es vorbei. Grundlagen sind Vertrauen, die Fähigkeit, den Kontext zu erläutern, und vor Ort zu sein. Ein Unternehmen, das vom Büro aus ohne realen Kontakt zum Betrieb digitalisiert, riskiert, dass die Lösungen nur vorübergehend und ineffektiv sind.
Zweiter Schritt: Prozesse, die eine Überlebenschance haben
Es reicht nicht aus zu beschreiben, wie die Dinge funktionieren sollen. Entscheidend ist zu verstehen, wie ein realer Tag im Werk tatsächlich aussieht. Ist alles auf die Bedürfnisse des Kunden abgestimmt? Sind die Prozesse schlank oder nur historisch gewachsen? Werden sie konsistent angewendet oder hängen sie von bestimmten Personen ab?
Dritter Schritt: Daten, auf die man wetten kann
Daten stehen überraschenderweise erst an dritter Stelle. Sind sie vollständig, genau und richtig klassifiziert? Können sie einfach exportiert und in der Cloud genutzt werden? Und wissen Sie wirklich, wer Eigentümer der Daten ist?
Selim Caluwaerts verwies auf die Tatsache, dass inkonsistente Daten und isolierte Informationssysteme eines der größten Probleme sind, nicht nur bei Safran Cabin. Tools wie Aimtec Data Intelligence oder Collibra können dabei helfen. Wenn Menschen Ihren Daten nicht vertrauen, finden sie einen Weg, das System zu umgehen. Ein typisches – und in dieser Phase unerwünschtes – Beispiel dafür ist Excel.
Technologien kommen erst ins Spiel, wenn die Bedürfnisse des jeweiligen Werks und dessen digitaler Reifegrad klar definiert sind. Safran Cabin setzt nicht überall auf eine Karte. Das Unternehmen arbeitet mit einem ganzen Ökosystem von Lösungen, die es entsprechend den Bedürfnissen der einzelnen Standorte zusammenstellt.
Zu den verwendeten Tools gehören beispielsweise:
- Planungssysteme (Asprova APS),
- Plattformen für Datenverwaltung und Datenqualität (Aimtec Data Intelligence, Collibra),
- Fertigungs- und Simulationswerkzeuge (AVIX, WIPSIM),
- Cloud-Lösungen (AWS).
Um das richtige Tool auszuwählen, muss man die lokalen Gegebenheiten verstehen. Nur so sind die Nutzer bereit, die Tools zu verwenden und ihnen zu vertrauen, anstatt das offizielle System zu umgehen.
Wenn Menschen Excel übermäßig nutzen, gilt es herauszufinden, warum. Möglicherweise misstrauen sie Ihrem System und versuchen, es zu umgehen. Das muss geklärt werden.
KI in der Praxis: Der Roboter als Ersatz für das menschliche Auge
Wo kann KI effektiv und nutzbringend eingesetzt werden? Bei Safran Cabin hat man sich für die visuelle Kontrolle lackierter Teile entschieden. In der Luftfahrtindustrie kann nämlich schon eine mikroskopisch kleine Blase dazu führen, dass die Oberfläche während des Fluges Risse bekommt. Die manuelle Sichtkontrolle ist dabei extrem variabel. Was ein Mitarbeiter am Montagmorgen noch als in Ordnung befunden hat, kann er am Dienstagnachmittag als Fehler einstufen.
Safran Cabin implementierte daher eine robotergestützte Inspektion mit künstlicher Intelligenz. Jedes Teil wird aus derselben Entfernung und unter demselben Winkel abgebildet. Aber auch hier stieß das Digitalisierungsteam auf Hindernisse. KI lernt anhand tausender Bilder, eine Besonderheit der Luft- und Raumfahrt ist aber das geringe Produktionsvolumen, welches das nicht zulässt. Eine Grundvoraussetzung war daher die Qualität der Eingabedaten und die Einbindung von Schlüsselanwendern, die das System verstehen und wissen, wann die Ergebnisse überprüft oder korrigiert werden müssen.
Und das Resultat? Roboter und KI sorgen für konsistenteres Arbeiten, müssen aber trotzdem von einem erfahrenen Mitarbeiter geschult werden. Der gesamte Prozess ist linear. Es erfordert Zeit und Geduld, bis er Ergebnisse und eine echte Effizienzsteigerung bringt.
Erfahrungen von Safran Cabin: Was wirklich funktioniert
Was hat sich letztendlich in allen Werken bewährt? Das DigiMaps implementierende Digitalisierungsteam konnte folgende Empfehlungen wieder und wieder verifizieren:
- Zwingen Sie die Tools nicht von oben auf. Sprechen Sie mit den Menschen, seien Sie vor Ort, lernen Sie die Realität kennen und optimieren Sie die Lösung entsprechend.
- Implementieren Sie nicht alles auf einmal. Entwickeln Sie einen stabilen Kern, testen Sie ihn im Betrieb und skalieren Sie erst im Anschluss.
- IT muss ein Partner sein, kein Dienstleister. Ohne seine aktive Unterstützung und Ressourcen lassen sich Veränderungen weder durchsetzen noch aufrechterhalten.
Safran Cabin hat Einsparungen in Höhe von 75 Millionen Euro erzielt, weil man Digitalisierung als Prozess verstanden wird – nicht als bloße Ansammlung von Tools betrachtet. Jeder Schritt, von der Kooperation mit den Mitarbeitern bis zur Auswahl des Systems, wird an die Besonderheiten der einzelnen Werke angepasst, wobei man gleichzeitig bewusst einen einheitlichen Standard beibehält. Nur so lässt sich eine Digitalisierung erreichen, die nachhaltig ist und den Menschen wirklich hilft.
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